Es klingt in den Filmen immer so cool, wenn jemand sagt: "Meine Therapeutin hat gesagt..."
aber vielleicht ist auch das nur so eine seltsame Art von mir die Welt zu sehen.
Meine Therapeutin jedenfalls, hat gesagt, dass ich anfangen soll nicht nur die negativen Seiten der Adoption zu betrachten, sondern was für positive Aspekte ich für mein Leben mitnehmen könnte.
Ich bin gerade am Beginn meiner Reise in meine Psyche und meiner Herknunft und ich finde, ich habe das Recht einfach zu trauern und wütend zu sein, nach dem ich 21,5 Jahre meines Lebens geschwiegen habe.
Ich dachte immer es gäbe 5 Phasen der Trauer aber Wikipedia sagt: NEIN. hahahaha ;-) (little Britain Anspielung)
Phase eins: Schock und Verleugnung.
Halleluja! Die Verleugnung ist glaub ich, das Wundermittel der Menschen und in meiner Familie perfektioniert worden. Alles immer schön unter den Teppich kehren und tief in sich verschliessen, bis man schließlich so ernsthafte psychische Probleme hat, das die Realität einfach nicht mehr sehen KANN.
Verleugnunsphase abgehakt. Bin ich durch.
Ich meine, es hat einfach mal 10 Jahre gedauert eine Antwort darauf zu finden, warum ich so bin wie ich bin und nicht anders. Okey, das klingt jetzt banal.
Ich habe lange zu leiden gehabt. Seit meiner Pubertät habe ich mich immer gefragt, wieso ich diese überwältigenden negativen Gefühle habe. Ich hatte ernsthafte Agressionsprobleme, Selbstzweifel, Selbsthass, bis hin zu Persönlichkeitsstörungen. Ich möchte mir nichts selber diagnostizieren, aber ich muss mir wohl langsam eingestehen, dass die Boderlinestörung kein Modewort des Jahres 2005 war und ich mich vielleicht heute auch nicht mehr davor erwehren kann, mir einzugestehen, dass dies vielleicht auf meine Handlungsmechanismen zutreffen könnte. Oh man, bin ich ein abstrakt denkender Mensch.
Ich war magersüchtig, habe mich selber verletzt und hatte tiefe Todessehnsucht. Egal was ich getan habe, ich habe Schwierigkeiten mich selber anzunehmen. Ich kann mich vielleicht gar nicht selber annehmen. Aber ich werde es lernen hahahha. ;-)
Das schlimmste und das betone ich immer gerne, sind nicht die Krankheiten und sind nicht die Schmerzen und Narben. Es ist nicht das Hungern oder das Essen, was einen wirklich fertig macht. Das Alles sind gute Freunde geworden die einem beistehen, wenn einen die Gefühle übermannen und die einzigen wirkungsvollen Möglichkeiten, sie zu kanalysieren. Das wirklich Schlimme an meiner Situation war, dass ich einfach nicht verstanden habe, woher diese Gefühle kommen. Warum ich in einer so intensiven Gefühlswelt lebe und andere nicht. Ich hatte das Thema Adoption so tief in mir vergraben, dass ich niemals auf die Zusammenhänge gestossen wäre. Adoptionskrank. Ich wusste nicht mal, dass es sowas gibt.
Wenn man Phase zwei einleutet: Depression, dann würde ich zustimmen, dass ich die letzten 2 Jahre wusste, dass mir meine Adoptionsgeschichte mir einen Strich durch meine rosarote Glitzerwelt und meine Beziehung machen würde, aber ich mich nicht eingehend mit dem Thema beschäftigen wollte. Sie trat immer mehr zu Tage und ich versuchte sie immer mehr zu verdrängen.
Ich habe mich ständig gefragt wieso ich die Jenige bin, die in Deutschland ist, warum ich nicht bei meiner Mutter bleiben konnte, warum ich diese neue Chance bekommen habe, eine neue Familie zu haben, mit mehr Möglichkeiten als in meinem Herkunftsland.
Womit hatte ich das verdient? Was kann ich schon leisten, um es wieder gut zu machen, für alle Kinder die nicht das Glück haben?
Für meine Eltern, die so viel Geld und liebe in mich investieren?
Ich wurde vergesslich und konnte mich nicht mehr auf meine alltäglichen Aufgaben konzentrieren. Selbst Einkaufen und Duschen wurden für mich förmlich tagesfüllende Aufgaben. Und mit so viel geballter nicht existenter Engergie soll man nun ein eigenverantwortliches Studium erfüllen? Für mich immer wieder unmöglich. Ich konnte mir einfach nichts mehr merken, was man mir gesagt hat. Auch heute, kann ich mir keine Geburtstage merken. Weiss ich nicht wann und wie lange meine Eltern im Urlaub sind und an welchen Tagen mein Freund oder meine Freundinnen Ihre Prüfungen haben. Es ist einfach ausgelöscht sobald ich mich umdrehe.
Auch sind die Agressionszustände in den letzten 2 Jahren, in denen ich wieder in einer engen und ernsthaften Beziehung lebe schlimmer geworden. Es muss sich was tun. Ich muss mich dem Thema stellen, sonst wird es mich und meine Leben zerstümmeln und auffressen, bis zur unkenntlichkeit zerreissen und nur noch eine sinnfreie Lebenshülle zurücklassen. Ich wache morgens auf und kann nicht sagen, was ich die letzten 3 Tage gemacht habe. Ich will nicht irgendwann aufwachen und nicht mehr wissen was die letzten 10 Jahre passiert ist. Ich will mein Leben leben und auch spüren können.
Laut Wikipedia habe ich damit nur noch eine Phase der Trauer vor mir, hahaha. Die Phase der Heilung.
Aber ich bin noch nicht bereit mich zu heilen, indem ich das weisse Licht der Güte und göttliche Erkenntnis in mich aufsauge.Ich will erstmal schreien und mich wehren.
Natürlich will ich, das hier und jetzt wieder wahrnehmen.Ich habe aber Angst, wenn ich jetzt zu positv an die Sache herangehe, mich wieder zusehr auf meine Zukunft konzentriere, dass es wieder nur in der Verdrängung Enden kann.
Für mich ist dies keine erwähnenswerte Möglichkeit mehr, höchstens um mich vom Abend in den Morgen zu retten und mal eine Pause zumachen. Um einmal auf meine Insel des Glücks zurück zukehren und das Geschehene für einen Moment lang hinzunehmen und meinen erschöpften Geist niederzulegen. Aber ich darf auf dieser Insel einfach nicht verweilen, nicht jetzt wo ich so kurz davor stehe, mich selber zu verstehen und mich meinen Geistern zu stellen. Und damit meine ich nicht süße Casper - Geister sondern eher Jack the Ripper, Boogieman und Freddy Krüger - Geister.
Ich werde definitiv weiter wüten und heulen und schreien und dann, wenn ich müde bin und dann, wenn ich keine Stimme mehr und keine Tränen mehr und keine Trauer mehr in mir spüre, dann werde ich Vergebung und Dankbarkeit spüren, Liebe und Hoffnung. Und dann werden es keine Gefühle sein, die meine Moral und meine Erziehung mir auferlegen, sondern tiefe und göttliche Gefühle, die durch keinen Menschen, oder Selbstzweifel oder durch ein Ereignis umgestoßen und verändert werden können.
Grace.